Opak und crèmefarben wälzt sich das Wasser des Río
de la Plata aus dem Herzen Südamerikas in den Golf von
Montevideo, vorbei an ausgeschlachteten Tankern, stillgelegten
Frachtern und einer schweigsamen Stadt. Schon immer war der
Hafen von Montevideo das Spiegelbild Uruguays. Als er 1868
eröffnet wurde, war er der fortschrittlichste Umschlagplatz
Südamerikas. Heute sind die Jahre des Agrarbooms, die Uruguay
zu einem der reichsten und progressivsten Länder der Welt
gemacht hatten, längst Vergangenheit. Seit einem halben
Jahrhundert schwingen die Erinnerungen daran nur mehr nach wie
ein fernes Echo in der Stille, die heute die Stadt
beherrscht.
Seitdem die Wirtschaftskrise im benachbarten
Argentinien das Land in eine immer hoffnungslosere Rezession
gerissen hat, verlassen mehr und mehr junge Menschen die
scheinbar todgeweihte Hauptstadt. Bei einem
Bevölkerungswachstum von 0,7 Prozent überaltert die
Gesellschaft rapide, so dass ganze Stadtviertel sichtbar
verwaisen. Am Hafen schiebt sich wie ein Gruss aus Buenos
Aires, wo 130 Meilen entfernt der Riesenstrom in den Golf
mündet, blitzweiss ein grosser argentinischer Katamaran durch
die Fluten. Die Zahl der Geschäftsleute und Touristen, die der
«Buquebus» zwischen den beiden Metropolen transportiert, sinkt
seit vier Jahren. Das Schnellboot erinnert daran, wie eng das
Schicksal beider Hauptstädte miteinander verwoben ist. Allein
im vergangenen Jahr gingen Uruguays Exporte um ein Zehntel,
die Importe um über ein Drittel zurück, die brutale Rezession
im grossen Nachbarland hat auch den Zwergstaat an der Küste
mit in ihren Strudel gerissen.
In der Abwärtsspirale
Doch nicht nur die Handelsbilanz vereint die
Bewohner beider Hauptstädte. Von ihren Landsleuten aus der
Provinz werden die Haupt- und Hafenstädter unter dem Etikett
«Porteños» zusammengefasst. Sie haben den aufdringlichsten
Akzent, die beste Ausbildung und eine anscheinend angeborene
Arroganz. In der Mittelschicht der Porteños kristallisiert
sich die Tragödie beider Staaten: das Ausscheiden aus der
angestrebten Ersten Welt und das langsame Ausbluten der jungen
Eliten. Auch der ehemalige Einwanderer- Schmelztiegel Buenos
Aires erlebt seit über zwei Jahren eine nie gesehene
Auswanderungswelle. Dabei kehren vor allem gut ausgebildete
und junge Menschen dem Land den Rücken.
In den Bars und Cafés, vor den Mensen und auf den
Plätzen beider Städte ist der desillusionierte Grundtenor der
Gespräche derselbe: «Die jungen Leute gehen so weit weg, wie
das Geld sie trägt», sagt die 20-jährige María aus Montevideo.
Mit ihrem wasserstoffblonden Haar, dem Nietenhalsband aus
rotem Kunstleder und der Union- Jack-Gürtelschnalle wirkt sie
im trägen Frieden des Strassenbildes fast fehl am Platz. Wenn
die Sonne untergeht, gehen die Jugendlichen in der Disco
«Pacha Mama» tanzen zu harten Elektrobeats. «Viel Action
gibt's hier nicht», seufzt Marías Freundin Adriana. Auch
deswegen sei es Mode geworden fortzugehen, um Geld zu
verdienen, dann für eine Weile zurückzukommen, nur um bald
erneut abzureisen.
Es ist gar nicht so einfach, auf den Plätzen
Montevideos Ansprechpartner wie die drei Maturandinnen zu
finden. Die Abwärtsspirale der letzten Jahre hat einen Trend
verschärft, der bereits seit den sechziger Jahren besteht.
Seither hat etwa ein Fünftel der heute 3,3 Millionen Einwohner
Uruguays das Land auf der Suche nach einer besseren Zukunft
verlassen. In Uruguay wie in Argentinien gehören traditionell
die am besten Ausgebildeten und die Produktivsten zu denen,
die gehen. Kein anderes südamerikanisches Land exportiert
einen so grossen Anteil seiner qualifizierten Arbeiter.
Eduardo Galeano, Uruguays bekanntester Schriftsteller und
Autor des Buches «Die offenen Adern Südamerikas», kritisiert,
dass die wirtschaftliche Notlage heute mehr Menschen ins Exil
treibt als die Militärdiktatur vor über zwanzig Jahren: «Wir
exportieren Jugendliche.»
An die Zeiten, als die «Republik östlich des
Uruguay» statt Humankapital Leder, Wolle und Pökelfleisch
exportierte, erinnert der verblasste Glanz des Hafens. Die
verträumten Strandpromenaden, Ramblas genannt, rufen mit ihren
abbröckelnden Häuserfronten Havannas Malecón in Erinnerung.
Dahinter führen enge Gassen hinauf in die Altstadt, die sich
im spanischen Kolonialstil schachbrettartig über eine
Landzunge erstreckt. Auf der Mauer zwischen Strasse und Meer
sitzt eine junge Frau mit einem zerfransten Hippie- Kleid in
der Abenddämmerung. Ana ist 26, ihre langen Haare sind
verfilzt, ihr Gesicht wettergegerbt und wirkt entspannt. Auch
sie ist eine Aussteigerin: Um dem Fatalismus in der Hauptstadt
zu entkommen, ist sie an den über 100 Kilometer entfernten
Strand von Cabo Polonio gezogen. Nur zum Studieren kommt sie
nach Montevideo. «Hier ist es nicht auszuhalten, alle reden
davon, nach Spanien auswandern.»
Eine leichte Seebrise markiert den Kontrast zur
grossen argentinischen Schwesterstadt. Und natürlich die
allgegenwärtige Gemächlichkeit, die nichts effektvoller
unterstreichen könnte als das Klappern von Pferdekarren auf
zerplatztem Kopfsteinpflaster. Um den Nabel der Altstadt, die
Plaza Constitución, spürt man das dekadente Flair am
stärksten. Im Schatten ausladender Bäume sitzt der 87-jährige
Rentner Armando vor einem Café und philosophiert über die
Vergänglichkeit: «Es gibt eben einfach keine Arbeit hier: Wer
hier noch kein Rentner ist, dem fehlt nicht mehr viel dazu.»
Tagein, tagaus sitzen sie auf den vielen Plätzen und sprechen
über die gute alte Zeit, als es noch normal war, Kinder zu
haben. Heute gebären Uruguays Frauen jährlich nur noch rund
20 000 Kinder - bei stetig steigender Auswanderung viel
zu wenig, um das Rentensystem noch lange aufrechtzuerhalten.
«Tausende illegaler Altersheime in den Vorstädten sind schon
jetzt total überfüllt», berichtet Carlos Fernández, der ein
kleines, legales Altersheim im hafennahen Stadtteil Reducto
betreibt. Auch er sieht keine Zukunft mehr in Uruguay. Sein
Sohn gehe nach Spanien, er selbst träume von Deutschland.
«Wenn der Staat die Renten nicht mehr zahlen kann, bin ich am
Ende. Wie schnell das passieren kann, hat man in Argentinien
gesehen.»
Dort ist die Alterspyramide zwar noch lange nicht
so kopflastig wie in Uruguay, wo 13 Prozent der Menschen über
65 Jahre alt sind; aber auch in Buenos Aires, dem einstigen
«Paris Lateinamerikas», ist die Situation für junge Arbeit
suchende Menschen nach über drei Jahren Rezession unerträglich
geworden. Die Zeitung «La Nación» meldete, dass vier von zehn
Argentiniern ihrer eigenen Jugend empfehlen, auszuwandern. In
den letzten zwei Jahren sollen rund 150 000 Argentinier
ihr Land verlassen haben, zumeist mit Ziel Spanien oder
Italien. Italien sah sich angesichts des massiven Andrangs vor
den Konsulaten bereits dazu genötigt, seinen konsularischen
Dienst in Argentinien zu verstärken und Beratungsstellen
einzurichten. Diese sollen den Argentiniern helfen, doch
möglichst im eigenen Land eine Zukunft zu finden.
Arbeiten - aber wo?
Vor dem ehrwürdigen Gebäude des spanischen
Konsulates im schicken Viertel Recoletas haben sich die
Anwohner schon lange an die endlosen Schlangen gewöhnt. Wo
einst die ankommenden Grosseltern betreut wurden, suchen nun
deren Enkel Hilfe auf dem umgekehrten Weg. Mariano, 28,
Lagerarbeiter bei Pepsi, hat sich schon sehr früh in die
Schlange gestellt. «In Spanien gibt es viel Arbeit für junge
Leute, die richtig schuften wollen», sagt er. «Gut fühle ich
mich nicht dabei», gibt er zu und verschränkt die Arme.
«Irgendwie leer, aber meinen kleinen Kindern kann ich nicht
zumuten, hier aufzuwachsen.»
Anders als bei Migrationswellen früherer
Jahrhunderte bleiben diesmal die Armen und Ungebildeten
zumeist zurück. Nach einer Umfrage will nur ein Fünftel der
argentinischen Unterschicht auswandern. Das Gleiche gilt für
die niedrigen Bildungsgrade. Bei den Studenten hingegen würden
fast zwei Drittel das Land am liebsten verlassen. Der
einstmals 17 Mann starke Freundeskreis des jungen Anwalts
Nicolás ist ein typisches Beispiel für den brain drain, den
Argentinien erleidet: Acht seiner Freunde, Anwälte,
Ingenieure, Designer oder Wirtschaftswissenschafter, hätten
das Land verlassen, sagt der 29-Jährige, der selbst von
deutschen Einwanderern abstammt. «Es ist wie eine Krankheit.»
Dennoch hat er sich entschieden zu bleiben. Schliesslich gebe
es noch Hoffnung: Durch den Verfall des Peso seien
argentinische Waren im Ausland wieder gefragt. Der Anstieg der
Exporte hat bereits dazu beigetragen, die Situation in
Argentinien zu stabilisieren. «Mit den verbliebenen Freunden
haben wir die Exportfirma Southamerican Partners gegründet»,
sagt er in akzentfreiem Deutsch. Wer seine Heimat nicht
verlassen möchte, muss sich seinen Arbeitsplatz in Argentinien
heute selbst schaffen.
Hilmar Poganatz