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19. Mai 2003, 11:06, Neue Zürcher Zeitung

Schauplatz Uruguay/Argentinien

Auf dem Sprung zurück

Wo immer es geht, flieht die Jugend vom Río de la Plata

In den Jahren nach 1900 gehörten Uruguay und Argentinien als Rindfleischexporteure zu den reichsten und innovativsten Ländern der Welt. Solche Zeiten sind lange vergangen, heute herrschen Rat- und Perspektivelosigkeit. In Montevideo, der Hauptstadt Uruguays, beherrschen Pensionäre das Strassenbild; in der Provinz sieht es noch düsterer aus. Auch in Buenos Aires sehen die Jungen für sich keine Zukunft.

Opak und crèmefarben wälzt sich das Wasser des Río de la Plata aus dem Herzen Südamerikas in den Golf von Montevideo, vorbei an ausgeschlachteten Tankern, stillgelegten Frachtern und einer schweigsamen Stadt. Schon immer war der Hafen von Montevideo das Spiegelbild Uruguays. Als er 1868 eröffnet wurde, war er der fortschrittlichste Umschlagplatz Südamerikas. Heute sind die Jahre des Agrarbooms, die Uruguay zu einem der reichsten und progressivsten Länder der Welt gemacht hatten, längst Vergangenheit. Seit einem halben Jahrhundert schwingen die Erinnerungen daran nur mehr nach wie ein fernes Echo in der Stille, die heute die Stadt beherrscht.

Seitdem die Wirtschaftskrise im benachbarten Argentinien das Land in eine immer hoffnungslosere Rezession gerissen hat, verlassen mehr und mehr junge Menschen die scheinbar todgeweihte Hauptstadt. Bei einem Bevölkerungswachstum von 0,7 Prozent überaltert die Gesellschaft rapide, so dass ganze Stadtviertel sichtbar verwaisen. Am Hafen schiebt sich wie ein Gruss aus Buenos Aires, wo 130 Meilen entfernt der Riesenstrom in den Golf mündet, blitzweiss ein grosser argentinischer Katamaran durch die Fluten. Die Zahl der Geschäftsleute und Touristen, die der «Buquebus» zwischen den beiden Metropolen transportiert, sinkt seit vier Jahren. Das Schnellboot erinnert daran, wie eng das Schicksal beider Hauptstädte miteinander verwoben ist. Allein im vergangenen Jahr gingen Uruguays Exporte um ein Zehntel, die Importe um über ein Drittel zurück, die brutale Rezession im grossen Nachbarland hat auch den Zwergstaat an der Küste mit in ihren Strudel gerissen.

In der Abwärtsspirale

Doch nicht nur die Handelsbilanz vereint die Bewohner beider Hauptstädte. Von ihren Landsleuten aus der Provinz werden die Haupt- und Hafenstädter unter dem Etikett «Porteños» zusammengefasst. Sie haben den aufdringlichsten Akzent, die beste Ausbildung und eine anscheinend angeborene Arroganz. In der Mittelschicht der Porteños kristallisiert sich die Tragödie beider Staaten: das Ausscheiden aus der angestrebten Ersten Welt und das langsame Ausbluten der jungen Eliten. Auch der ehemalige Einwanderer- Schmelztiegel Buenos Aires erlebt seit über zwei Jahren eine nie gesehene Auswanderungswelle. Dabei kehren vor allem gut ausgebildete und junge Menschen dem Land den Rücken.

In den Bars und Cafés, vor den Mensen und auf den Plätzen beider Städte ist der desillusionierte Grundtenor der Gespräche derselbe: «Die jungen Leute gehen so weit weg, wie das Geld sie trägt», sagt die 20-jährige María aus Montevideo. Mit ihrem wasserstoffblonden Haar, dem Nietenhalsband aus rotem Kunstleder und der Union- Jack-Gürtelschnalle wirkt sie im trägen Frieden des Strassenbildes fast fehl am Platz. Wenn die Sonne untergeht, gehen die Jugendlichen in der Disco «Pacha Mama» tanzen zu harten Elektrobeats. «Viel Action gibt's hier nicht», seufzt Marías Freundin Adriana. Auch deswegen sei es Mode geworden fortzugehen, um Geld zu verdienen, dann für eine Weile zurückzukommen, nur um bald erneut abzureisen.

Es ist gar nicht so einfach, auf den Plätzen Montevideos Ansprechpartner wie die drei Maturandinnen zu finden. Die Abwärtsspirale der letzten Jahre hat einen Trend verschärft, der bereits seit den sechziger Jahren besteht. Seither hat etwa ein Fünftel der heute 3,3 Millionen Einwohner Uruguays das Land auf der Suche nach einer besseren Zukunft verlassen. In Uruguay wie in Argentinien gehören traditionell die am besten Ausgebildeten und die Produktivsten zu denen, die gehen. Kein anderes südamerikanisches Land exportiert einen so grossen Anteil seiner qualifizierten Arbeiter. Eduardo Galeano, Uruguays bekanntester Schriftsteller und Autor des Buches «Die offenen Adern Südamerikas», kritisiert, dass die wirtschaftliche Notlage heute mehr Menschen ins Exil treibt als die Militärdiktatur vor über zwanzig Jahren: «Wir exportieren Jugendliche.»

An die Zeiten, als die «Republik östlich des Uruguay» statt Humankapital Leder, Wolle und Pökelfleisch exportierte, erinnert der verblasste Glanz des Hafens. Die verträumten Strandpromenaden, Ramblas genannt, rufen mit ihren abbröckelnden Häuserfronten Havannas Malecón in Erinnerung. Dahinter führen enge Gassen hinauf in die Altstadt, die sich im spanischen Kolonialstil schachbrettartig über eine Landzunge erstreckt. Auf der Mauer zwischen Strasse und Meer sitzt eine junge Frau mit einem zerfransten Hippie- Kleid in der Abenddämmerung. Ana ist 26, ihre langen Haare sind verfilzt, ihr Gesicht wettergegerbt und wirkt entspannt. Auch sie ist eine Aussteigerin: Um dem Fatalismus in der Hauptstadt zu entkommen, ist sie an den über 100 Kilometer entfernten Strand von Cabo Polonio gezogen. Nur zum Studieren kommt sie nach Montevideo. «Hier ist es nicht auszuhalten, alle reden davon, nach Spanien auswandern.»

Eine leichte Seebrise markiert den Kontrast zur grossen argentinischen Schwesterstadt. Und natürlich die allgegenwärtige Gemächlichkeit, die nichts effektvoller unterstreichen könnte als das Klappern von Pferdekarren auf zerplatztem Kopfsteinpflaster. Um den Nabel der Altstadt, die Plaza Constitución, spürt man das dekadente Flair am stärksten. Im Schatten ausladender Bäume sitzt der 87-jährige Rentner Armando vor einem Café und philosophiert über die Vergänglichkeit: «Es gibt eben einfach keine Arbeit hier: Wer hier noch kein Rentner ist, dem fehlt nicht mehr viel dazu.» Tagein, tagaus sitzen sie auf den vielen Plätzen und sprechen über die gute alte Zeit, als es noch normal war, Kinder zu haben. Heute gebären Uruguays Frauen jährlich nur noch rund 20 000 Kinder - bei stetig steigender Auswanderung viel zu wenig, um das Rentensystem noch lange aufrechtzuerhalten. «Tausende illegaler Altersheime in den Vorstädten sind schon jetzt total überfüllt», berichtet Carlos Fernández, der ein kleines, legales Altersheim im hafennahen Stadtteil Reducto betreibt. Auch er sieht keine Zukunft mehr in Uruguay. Sein Sohn gehe nach Spanien, er selbst träume von Deutschland. «Wenn der Staat die Renten nicht mehr zahlen kann, bin ich am Ende. Wie schnell das passieren kann, hat man in Argentinien gesehen.»

Dort ist die Alterspyramide zwar noch lange nicht so kopflastig wie in Uruguay, wo 13 Prozent der Menschen über 65 Jahre alt sind; aber auch in Buenos Aires, dem einstigen «Paris Lateinamerikas», ist die Situation für junge Arbeit suchende Menschen nach über drei Jahren Rezession unerträglich geworden. Die Zeitung «La Nación» meldete, dass vier von zehn Argentiniern ihrer eigenen Jugend empfehlen, auszuwandern. In den letzten zwei Jahren sollen rund 150 000 Argentinier ihr Land verlassen haben, zumeist mit Ziel Spanien oder Italien. Italien sah sich angesichts des massiven Andrangs vor den Konsulaten bereits dazu genötigt, seinen konsularischen Dienst in Argentinien zu verstärken und Beratungsstellen einzurichten. Diese sollen den Argentiniern helfen, doch möglichst im eigenen Land eine Zukunft zu finden.

Arbeiten - aber wo?

Vor dem ehrwürdigen Gebäude des spanischen Konsulates im schicken Viertel Recoletas haben sich die Anwohner schon lange an die endlosen Schlangen gewöhnt. Wo einst die ankommenden Grosseltern betreut wurden, suchen nun deren Enkel Hilfe auf dem umgekehrten Weg. Mariano, 28, Lagerarbeiter bei Pepsi, hat sich schon sehr früh in die Schlange gestellt. «In Spanien gibt es viel Arbeit für junge Leute, die richtig schuften wollen», sagt er. «Gut fühle ich mich nicht dabei», gibt er zu und verschränkt die Arme. «Irgendwie leer, aber meinen kleinen Kindern kann ich nicht zumuten, hier aufzuwachsen.»

Anders als bei Migrationswellen früherer Jahrhunderte bleiben diesmal die Armen und Ungebildeten zumeist zurück. Nach einer Umfrage will nur ein Fünftel der argentinischen Unterschicht auswandern. Das Gleiche gilt für die niedrigen Bildungsgrade. Bei den Studenten hingegen würden fast zwei Drittel das Land am liebsten verlassen. Der einstmals 17 Mann starke Freundeskreis des jungen Anwalts Nicolás ist ein typisches Beispiel für den brain drain, den Argentinien erleidet: Acht seiner Freunde, Anwälte, Ingenieure, Designer oder Wirtschaftswissenschafter, hätten das Land verlassen, sagt der 29-Jährige, der selbst von deutschen Einwanderern abstammt. «Es ist wie eine Krankheit.» Dennoch hat er sich entschieden zu bleiben. Schliesslich gebe es noch Hoffnung: Durch den Verfall des Peso seien argentinische Waren im Ausland wieder gefragt. Der Anstieg der Exporte hat bereits dazu beigetragen, die Situation in Argentinien zu stabilisieren. «Mit den verbliebenen Freunden haben wir die Exportfirma Southamerican Partners gegründet», sagt er in akzentfreiem Deutsch. Wer seine Heimat nicht verlassen möchte, muss sich seinen Arbeitsplatz in Argentinien heute selbst schaffen.

Hilmar Poganatz

 

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